Martina

(links im Bild)

Martina war von 14 bis 27 Jahren Besucherin vom Jugendtreff Neuaubing.

Der Jugendtreff Neuaubing war meine Rettung.

Das erste Mal war ich mit 14 oder 15 Jahren im Jugendtreff Neuaubing, das muss 1986 / 1987 gewesen sein. Ich muss voraus schicken, dass ich ab einem Alter von 3 Jahren mit meiner Familie (vier Jahre ältere Schwester, Eltern) Volksmusik machte (ich habe gejodelt, noch bevor ich reden konnte) und als „Heidi und Martina Ott“ sehr bekannt und berühmt war. Dieser Erfolg hatte aber auch negative Aspekte, ich wuchs sehr abgeschottet und in einem goldenen Käfig auf, denn meine Eltern erhielten sogar Erpresserbriefe und Entführungsandrohungen. Weil ich von allen hofiert wurde, war ich schon ein bisschen hochnäsig und eingebildet. Aber als ich in die Pubertät kam, verlor das seinen Reiz und ich entdeckte den Jugendtreff Neuaubing. Damals noch in einer Holzbaracke, weil das alte Haus durch einen Brand zerstört war, ein Jahr später dann im neuen Gebäude.

Mein Besuch der Einrichtung musste geheim bleiben, weil mir das meine Eltern nie erlaubt hätten. So erfand ich ständig Bücherei-Besuche, damit ich tagsüber im Jugendtreff sein konnte. Das bedeutete aber auch, keine Ausflüge oder Fahrten mitmachen zu können und um 20 Uhr zu Hause zu sein.

Weil ich in der Schule sehr gute Noten hatte, schwänzte ich die letzten 3 Jahre (von 15 bis 18 Jahren) den Unterricht immer öfter mit gefälschten Entschuldigungen, das fiel nie auf, meine Noten blieben weiterhin gut, Proben habe ich mitgeschrieben und ich war immer Klassenbeste.

Im Jugendtreff war ich endlich inkognito, von den anderen Jugendlichen kannte keiner „Heidi und Martina Ott“. Schnell merkte ich, dass ich hier nur eine unter vielen bin und keine Einzelstellung mehr habe. Ich wurde nicht auf „hübsch und kann singen“ reduziert, sondern konnte mit Dingen auf mich aufmerksam machen, die mir wichtig waren, z.B. Hilfsbereitschaft und Mitarbeit in der Einrichtung. Und: Ich bekam endlich Gelegenheit, Jungen zu treffen, denn meine Eltern hatten mich aus lauter Fürsorge auf eine Mädchenschule geschickt.

Bis zum maximalen Besuchsalter von 18 Jahren durfte ich in der Einrichtung bleiben. Aber wir Jugendlichen schufen uns ganz einfach selbst eine Möglichkeit, uns weiter dort aufhalten zu können. Wir gründeten 1989 den „Verein für emanzipatorische Jugendarbeit“ und brachten uns als Ehrenamtliche in das Einrichtungsleben ein. Als Anfang der 90er immer mehr Familien ihren Töchtern den Besuch eines Jugendzentrums untersagten, haben wir gemeinsam mit den Pädagogen Gespräche mit den Eltern geführt. Es wurde dann der Mädchentag eingeführt, montags durften keine Jungen in die Einrichtung. Und wir führten reine Mädchenangebote durch, z.B. Zeltlager in Frankreich.

Ob Jerry, Bert oder Selim – alle vom Team waren nett. Aber für mich änderte sich noch einmal viel, als Züleyha 1991 die Einrichtungsleitung übernahm. Von ihr habe ich gelernt, dass man sich einbringen darf und soll, dass ich mich nicht aufs Singen reduzieren lasse, dass ich auch andere Stärken habe und es einfach noch viele andere Dinge gibt, die interessant und wichtig für mein Leben sind. Im Jugendtreff wurde ich endlich aufs Leben vorbereitet. Ich habe dort von Sachen erfahren, von denen ich nie zuvor gehört hatte. Ich machte in der Einrichtung alles mit, was sich anbot: Disco (ich habe mitgeholfen, den Raum auszubauen), Mädchennachmittage, Nähangebote …  Ich war beim Jugendrat dabei und machte mich für die Wünsche der Jugendlichen stark. Und das Zusammensein mit meiner Clique waren wichtig, hatte ich doch zuvor keine Freunde gehabt.

Mit 18 Jahren begann ich eine Ausbildung bei einer Versicherung. Dort konnte ich auch eine Werkswohnung mieten und schaffte dadurch endlich den Absprung von zu Hause. Ich war ab sofort nicht mehr Teil der Musikerfamilie Ott. Ich hatte sowie sehr lange durchgehalten, aber ein früherer Ausstieg war einfach emotional nicht möglich. Natürlich war mit diesem Schritt auch lange Zeit das Verhältnis zu meiner Familie zerrüttet, aber das nahm ich in Kauf. Ich gründete sogar aus lauter Trotz eine Heavy-Metal-Band, just for fun, einfach so! Für unsere Bandproben durften wir uns im Jugendtreff einen Kellerraum ausbauen. Lange bestand die Band nicht, aber das war o.k.

Ich habe lange Zeit gebraucht, meine Vergangenheit aufzuarbeiten. Durch Züleyha habe ich gelernt, dass man seine eigenen Ängste bei sich lassen muss, man darf sie nicht an seine Kinder weitergeben. Man muss von außen auf die Situation schauen und dann entscheiden, ob es nicht noch andere Sichtweisen geben könnte.

Heute habe ich mein Glück gefunden. Ich bin verheiratet, habe zwei eigene Kinder und zwei Bonuskinder (Patchworkfamilie). Mit einer Versicherungsagentur habe ich mich in Dachau selbständig gemacht und bin damit sehr erfolgreich.

Züleyha ist meine beste Freundin geworden und damit hat die Vergangenheit doch auch was Gutes gehabt!