Erfolgreiche Enttäuschung

Die Herbstvollversammlung tagte anders als vorgesehen wieder digital, skizzierte die wichtigsten Themen des Vorstands und stellte die finanziellen Weichen für 2022. Ein positiver Nebeneffekt: selten gibt es analog so viele lobende Worte wie am Ende im Zoom-Chat

Die Herbstvollversammlung am 18. November war für manche eine echte Enttäuschung. Nicht im Inhalt, aber in ihrer Form. Es hätte die erste Vollversammlung in Präsenz seit zwei Jahren werden sollen, doch steigende Infektionszahlen erzwangen erneut ein digitales Format. Da wirkte Stadträtin Lena Odell wie ein Stimmungsaufheller. Ja, auch sie habe sich gefreut, „euch zum ersten Mal seit der Kommunalwahl in Präsenz zu sehen“, zeigte aber nicht nur Verständnis, sondern sogar Enthusiasmus: „Danke, dass ihr das durchzieht!“ rief sie in ihrem Grußwort für die Landeshauptstadt München den Delegierten zu. Und sie lobte den KJR. „Ich habe inzwischen gefühlt 1000 Videokonferenzen hinter mir, aber selten geht es so professionell zu, dass ein eigenes Studio eingerichtet wird!“. Tatsächlich wurden im Café Netzwerk wieder Monitore, Mikros und Mischpulte aufgefahren. „Auch die ganzen Tools, die man online einsetzen kann, hab ich bei euch zum ersten Mal gesehen!“ schwärmte die Stadträtin, die schon bei früheren Veranstaltungen digital zu Gast war. KJR-Vorsitzende Judith Greil konnte 110 Gäste begrüßen, neben Odell auch deren Stadtrats-Kollegin Nimet Gökmenogˇlu, Jugendamtsleiterin Esther Maffei und Angie Kurtic vom Stadtjugendamt. Und mehr als 90 Delegierte, wie das Abstimmungs-Tool „VotesUp“ zeigte, das nur den stimmberechtigten Teilnehmenden zugänglich war.

Judith Greil übte deutliche Kritik an der Politik. Das Regierungshandeln habe massive Auswirkungen auf junge Menschen, auf ihre psychische Gesundheit, ihren Schulerfolg, auf ihr Selbstbewusstsein und auf ihre ganze berufliche Zukunft. „Wie damit umgegangen wird, wird das Vertrauen in unsere Demokratie nicht gestärkt haben!“. Stadträtin Odell zeigte sich betroffen ob der Kritik. „Ich weiß, dass wir den Menschen viel zugemutet haben, aber wir versuchen, unser Bestes zu tun!“. Sie hoffe, der Tadel beziehe sich eher auf die Landesund die Bundespolitik. Das konnte Greil bestätigen. „Wir fühlen uns in der Stadtpolitik gehört!“. Sie wies dabei auf die laufenden Impfaktionen in KJR-Freizeitstätten hin, „nutzt das!“ ermunterte sie die Anwesenden. Was der Vorstand erreicht oder zumindest bearbeitet hat, stellte er in seinem Bericht vor, der sich thematisch an den Ergebnissen der Jugendbefragung 2020 orientierte.

So berichtete Fatih Demirtas beim Thema Wohnen, dass sich nur drei Prozent der Befragten mit dem Engagement der Stadt zufrieden zeigten. Der Vorstand setze sich für bezahlbaren Wohnraum ein, besonders für Studierende, Azubis und Menschen mit geringem Einkommen. Er begrüßte das Azubiwerk, das 2022 kommen soll und schon 2023 mehr als 200 günstige Wohnungen anbieten werde. Über 58 % Zufriedenheit der jungen Münchner*innen mit den Freizeitangeboten freute sich Karsten Urbanek, der jedoch „Luft nach oben“ sah. Denn Jugendliche, die nicht in Verbänden aktiv seien, wüssten oft nicht von diesen Angeboten. Er hob das OBEN OHNE OPEN AIR und auch die mobile Jugendkulturbühne Pop Up Stage hervor, deren Finanzierung für 2022 bereits gesichert sei – „Danke an die Stadt!“. Weitere Schwerpunkte des Vorstandes waren Mitbestimmung und Partizipation, Räume, Umwelt- und Klimaschutz, Zugänge zu Kultur sowie Diskriminierung.

Die Delegierten stimmten dem Wirtschaftsplan und der Verteilung der Jugendverbandsförderung ebenso zu wie der Erhöhung der Zuschüsse bei Fahrten und Freizeiten von 8 auf 10 Euro. Auch können künftig Juleica- Schulungen über die Maßnahmenförderung abgerechnet werden. Beschlossen wurde auch, die coronabedingten Ergänzungen der Zuschussrichtlinien bei Bedarf über das Jahr 2021 hinaus zu verlängern. Mehrere Verbände nutzen die Gelegenheit, auf ihre Aktionen hinzuweisen. Etwa die Münchner Sportjugend auf ihre Kampagne „Verein ist mehr“, die zu mehr Wertschätzung für die Arbeit von Vereinen sorgen soll. Oder Free Arts of Movement, die vom riesigen Parkour- Areal auf der Theresienwiese berichteten, dem ausgefallenen Oktoberfest sei Dank. Danke sagten am Ende auffällig viele im Chat. „Vielen Dank an alle. Tolle Veranstaltung!“ oder „Herzlichen Dank für die kurzweilige Versammlung!“ waren nur zwei von zahlreichen Rückmeldungen – mehr auf jeden Falls als sonst bei „echten“ Treffen. 

Gecko Wagner, Öffentlichkeitsarbeit, KJR