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Jugendtreff am Biederstein feierte Wiedereröffnung

Auf dem Dach boten vier Jugendliche ein besonderes Ritual dar, das in Asien Glück bringen soll: einen traditionellen Drachentanz.

Vier Jahre benötigte der Umbau des Jugendtreff am Biederstein. Aber jetzt ist die zweitälteste KJR-Freizeitstätte wie neu – und vital wie nie. Am Freitag, den 5. April wurde gefeiert ...

Oh Happy Day!

 

Der lange, helle Flur ist ein Ameisenhaufen. Gäste kommen an, Jugendliche begrüßen sie, bieten Getränke und Snacks an. Eine Gruppe junger Frauen bespricht ihren anstehenden Auftritt. „Herzlich willkommen!“, Leiterin Patricia Herzog hat den Architekten entdeckt. Auf halber Höhe umlagern 10 Teenies den Kicker, der Riesenkicker dahinter ist heute Buffet-Tisch. Daneben entlockt ein junger Mann dem Klavier eine melancholische Melodie. Statt Notenblatt steht sein Smartphone vor ihm. Was er spielt? „Keine Ahnung, muss ich googeln... ah, aus ‘Ziemlich beste Freunde‘“. Ein paar Schritte weiter reicht Pädagoge Benedikt Sax an der Theke Getränke aus. Ganz schön was los? „Eigentlich ist es hier jeden Freitag so“, sagt er schmunzelnd.

Aber dieser erste Freitagabend im April ist kein normaler Freitag, heute feiert der Jugendtreff am Biederstein Wiedereröffnung. Die – nach dem Spielhaus Sophienstraße – zweitälteste KJR-Freizeitstätte hat eine Frischzellenkur erhalten.

Aus dem Saal tönt „Oh Happy Day“, diesen Song hat sich Patricia Herzog gewünscht. Sie begrüßt Gäste aus Stadtrat, Bezirksausschuss (BA) und Bundestag und dankt der Stadt München für die „tolle Investition“. Als sie sagt, „der Umbau hat etwas länger gedauert als gedacht“, erntet sie lautes Lachen im Publikum. Besonders laut lacht Janne Weinzierl, seit Jahrzenten im BA, die nur abwinkt und die ständigen Verzögerungen in der Umbauphase „eine einzige Katastrophe“ nennt. Umso mehr passt heute „Oh Happy Day“.

Stadtrat Wolfgang Zeilnhofer überbringt die Grüße des Oberbürgermeisters und erwähnt, dass die Stadt 1953 hier im damaligen „sozialen Randgebiet“ auffällige Jugendliche von der Straße bringen wollte. „Auffällige Jugendliche gibt es auch heute noch jede Menge“, sagt er, „aber im besten Sinne!“ Auffällig sei zum Beispiel ihre hohe Motivation, hier „ihr Ding zu machen“. Und dass Jugendliche hier von Jugendlichen lernen, „was ich sehr, sehr beeindruckend finde!“. Er ruft ihnen zu: „Nehmt‘s das Haus in Besitz, lasst es zum Teil eurer persönlichen Geschichte werden!“

Das lassen sich Amanda, Hannah, Kisha und Madeleine von der Tanz-Crew „NST“ nicht zweimal sagen. Sie wirbeln zu stampfenden Beats über die Bühne im Biederstein, angefeuert von den Jugendlichen im Saal und den sichtlich beeindruckten Gästen. Auch die K-Pop-Gruppe „D.S.8“ bringt Partystimmung in den Festakt. Wer sich unter Korea-Pop asiatisch-fernöstliche Klänge vorgestellt hat, wird überrascht, die Performances erinnern an klassische Pop- und HipHop-Choreographien mit eingängigen Melodien.

„Ich hab schon Schweiß auf der Stirn, wenn ich euch zuschaue“, sagt Edwin Grodeke, der Vertreter von Kommunalreferentin Kristina Frank. Er lobt die Auftritte und betont, dass die Stadt mehr als 2 Millionen investiert habe, „das Ergebnis kann sich sehen lassen!“.

Auf die Komplikationen und Verzögerungen bei der Bauzeit spielt Detlev Langer, Hauptabteilungsleiter Hochbau im Baureferat, an, als er feststellt: „Wenn man zur Eröffnung eingeladen ist, kann‘s nicht so schlecht sein!“. Und so schön es auch sei, dass alles fertig ist, sei er doch melancholisch, nun die Baustelle zu verlassen. Dann stimmt er Wolfgang Ambros an und singt „I glaub, i geh jetzt, es is Zeit, I woa schon viel zu lang unta euch!“

Auch an solchen kurzen und launigen Redebeiträgen liegt es, dass der Festakt nie lang und schon gar nicht langweilig wird. Dafür sorgen auch „Female Workshop“, die ihren allerersten Tanz-Auftritt hinlegen. „80 Prozent unserer Jugendlichen sind Mädels“, sagt Patricia Herzog, was in der Jugendkultur nicht selbstverständlich sei.

Daran, dass es laut Udo Jürgens mit 66 Jahren erst richtig losgeht, erinnert Stephanie Dachsberger aus dem KJR-Vorstand. 66 Jahre alt ist der Jugendtreff nun, und tatsächlich stehen den Jugendlichen jetzt viele neue Möglichkeiten offen. Zusätzliche Tanzräume, ein schallisolierter Band-Übungsraum, das Musikstudio und sogar ein „Office für Jugendliche“ mit PCs, Macs, Tablets, Drucker und Internet für Schule, Ausbildung und Studium. Auch Video-Schnitt geht jetzt, etwa für Bewerbungsvideos. Die fünf Mädchen der K-Pop-Gruppe „No Escape“, die jetzt über die Bühne wirbeln, haben sich damit für einen Contest in Köln beworben und jüngst den 2. Platz geholt.

Starthilfe hat das Biederstein schon immer geleistet, etwa als Graffiti, HipHop oder K-Pop nach München kamen. Und auch die Band „The Clouds Munich“ wurde hier 1964 gegründet. Heute, 55 Jahre später, spielen sie die guten alten Hits, von T. Rex „Get it on“ bis „Keep on running“ der Spencer Davis Group.

„Eigentlich hat Gitarrist Bimey Hausverbot“, sagt Sänger Harry Wieser ins Mikrophon, „und das wurde nie aufgehoben. Aber Patricia hat gemeint, für heute macht sie eine Ausnahme!“. Davon, wie es früher hier zuging, können viele Ehemalige ein Lied singen. Etwa Helmut Auer, Fliesenleger und Steinmetz. Er hat Anfang der 1980er die Küche samt Eckbank gebaut und gefliest. Da war er bereits 10 Jahre lang Stammbesucher. „1973 hatte hier die Rockergang ABS das Zepter in der Hand“, erzählt er, „die haben uns Kleine nie an den Billardtisch gelassen“. Aber der damals 13-Jährige und seine Freunde wussten sich gegen die Rocker zu helfen. „Draußen standen ihre Motorräder, die hatten halt plötzlich keine Luft mehr – oder standen wenig später auf dem Aschentonnenhäusl“, so geschehen mit einer Honda Dax, „die wir zu sechst oder zu acht raufgewuchtet haben“.

Franziska Paul war in ihrer Jugendzeit oft hier, denn da war „mein großer Schwarm, der Bader Willi – wenn der in der Straße vorbeigelaufen ist, wusste ich: ich muss ins Freizeitheim!“. Außerdem hat sie für ihre Friseurs-Ausbildung hier Haareschneiden geübt. „Wir ham ja nix gehabt, entweder du hast gerauft oder du bist hierher gegangen“, erzählt sie. Haluk Oktaymen hat hier Volkstänze aus seiner ukrainischen Heimat geübt, „hier war immer schon eine sehr offene, integrative Stimmung“, sagt er. Und wundert sich dann über das Interesse an seiner Person. „Ich bin doch nicht interessant, gehens in den Saal, da sitzt mein Vater und hört den Clouds zu. Der ist 93!“. So gesehen ist das Biederstein noch sehr jung.

Gecko Wagner, Öffentlichkeitsarbeit, KJR

 

 

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