Aktuelles

Erinnern! Hinterfragen! Kein Schlussstrich!

Am 17. und 18. Juli 2018 hieß es auf dem Königsplatz wieder: Sommer? Sonne? Sommer.dok!

1918 bis 2018 : „100 Jahre Ende des 1. Weltkriegs“ – Wie lässt sich ein so schwieriges und zeitlich schon so weit entferntes Thema aufgreifen? Wie können junge Menschen motiviert werden, sich damit auseinanderzusetzen, ohne es zu müssen, etwa wegen einer darauffolgenden „Ex“ oder Klausur?

Solche Fragen sind für die sommer.doks, junge Leute aus Jugendorganisationen und Initiativen, die ihre eigene historische und politische Bildungsarbeit gestalten, gerade zu eine Herausforderung: Sie haben sich für sommer.dok 2018 ganz bewusst dieses Rahmenthema gewählt.

Impulsgeber war ein junger Künstler mit deutschen und französischen Wurzeln und einem ganz besonderem Werk: Nicolas Dehais hatte 17-jährig in einer „graphic novel“ die Erzählungen und Aufzeichnungen der Familie über seine Urgroßväter verarbeitet, die im Ersten Weltkrieg auf deutscher und französischer Seite als Feinde einander bekämpft hatten. Eine bizarre Vorstellung,dass sie sich in den Schützengräben direkt gegenüber gelegen haben könnten … Nicolas rekonstruierte und fiktionalisierte ihre Geschichte, die übrigens viel später, nachdem Zweiten Weltkrieg, in eine gemeinsame Familiengeschichte mündete, als sich ihre Enkel kennen und lieben lernten*. 

Nicolas präsentierte diese „graphicnovel“ und andere seiner Werke in einer Open-Air-Vernissage erstmals öffentlich auf sommer.dok, begleitet von „historic visuals“aus einem Jahrhundert an der Außenwand der Glyptothek. Zwischendurch, wenn wieder ein Gewitter über den Königsplatz zog, setzte er sich ans Schlagzeug zu einer entspannten Jam Session mit befreundeten Musikstudenten und -studentinnen.

Die Analyse ersparen wir uns jetzt, ob es die Musik war oder die Ausstellung oder das Konvolut, dass sich über 200 junge Leute einfanden und uns fast an unsere logistischen Grenzen brachten.

Konkrete Informationen zu Kriegsende und der Entwicklung der Nationalsozialisten in der Weimarer Republik erhielten Interessierte am Beginn des zweiten Abends bei einem kostenlosen Rundgang im NS-Dokumentationszentrum.

Der zweite Abend führte das Publikum anschließend mit dem Themenkomplex Rechtsextremismus in die Gegenwart: Eine hochkarätige Podiumsbesetzung griff brandaktuell Fragen zu den Urteilen im Prozess gegen den NSU und dem Revisionsverfahren bezüglich des Attentats am OEZ auf.

Mit Onur Özata aus Berlin war ein Rechtsanwalt eingeladen worden, der als Vertreter der Nebenklage sowohl im NSU-Prozess als auch bezüglich des Attentats am OEZ ganz konkrete Einblicke in Verfahrensabläufe, juristische Einschätzungen und kritische Fragestellungen geben konnte. Nimet Gökmenoglu, die u.a. bei der Opferberatung BEFORE arbeitet und Angehörige der Opfer des NSU und des Attentats am OEZ begleitet, moderierte den Abend. Sie schärfte gleichzeitig die Aufmerksamkeit des Publikums für die Opferperspektive, für die Situation, die Fragen, die Forderungen der Angehörigen an Politik und Justiz, aber vor allem auch an uns alle, an die Gesellschaft.

Mit Robert Andreasch hatten die sommer.doks einen Experten eingeladen, der nicht nur mit journalistisch-kritischem Blick für die Initiative NSU-Watch den über fünf Jahre währenden Prozess gegen den NSU verfolgt hatte, sondern seit mehr als zwanzig Jahren die rechtsextreme Szene beobachtet und sommer.dok mit Information und Aufklärung seit dessen Start 2013 begleitet.

Für diesen äußerst intensiven und hochaktuellen Abend hätten wir uns mehr Publikum gewünscht, andererseits beteiligten sich die ca. 30 zumeist jungen Leute ausgesprochen lebhaft und engagiert mit ihren Fragen und Gedanken an der Diskussion. Man war sich absolut einig, an dem Thema dranzubleiben:„Kein Schlussstrich!“

sommer.dok 2018 endete erst spät in der Nacht …

Fest steht, das große Plus von sommer.dok ist die Möglichkeit, immer wieder neue Formate entwerfen und ausprobieren zu können,um historische und politische Themen für junge Leute attraktiv zu machen. Diese beiden Abende beflügelten die sommer.doks,weiter und noch intensiver am Puls zu bleiben und Neues zu wagen.

* Die Broschüre „Memoria 1914 – 1918“ von Nicolas Dehais ist bei Sylvia Holhut (s.holhut(at)kjr-m.de) erhältlich. 

Auch interessant:

Ehemalige Besucherinnen und Besucher von KJR-Einrichtungen berichten über ihre Erlebnisse mit dem KJR. Die Galerie 90 zeigt in Portraits und Texten im...

mehr lesen...

In der Galerie 90 gibt CASHLESS-MÜNCHEN von 28. November 2019 bis 31. März 2020 mit dem Projekt "Cash - wofür? Cashless - was dann?" ein Beispiel...

mehr lesen...

Die Galerie 90 zeigt die Kampagne von ANIMALS UNITED im Zeitraum 20. Mai bis 31. Oktober 2019.

mehr lesen...