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„Unsere Stimme hat Gewicht“

Nach viereinhalb Jahren und zwei Wahlperioden übergibt Stefanie Lux ihr Amt an die neugewählte KJR-Vorsitzende Judith Greil. Ein Gespräch über neue Themen und Dauerbrenner auf der politischen Agenda.

Wie fällt Dein Resümee als scheidende Vorsitzende aus?

Stefanie Hinter mir liegt eine unglaublich spannende, abwechslungsreiche und intensive Zeit. Wenn ich das zusammenfassen soll: Es war in jeder Hinsicht bereichernd für mich, dieses Amt gestalten und ausfüllen zu können. Intensiv waren diese viereinhalb Jahre vor allem wegen der Themendichte und Geschwindigkeit, mit der diese Themen zu bearbeiten waren.

 

Hättest Du gern noch eine Amtszeit angehängt, sind alle Deine Vorhaben erledigt?

Stefanie Ich habe dieses Amt wirklich sehr gern ausgefüllt, und es fällt mir nicht leicht, jetzt zu gehen. „Ich bin noch nicht ganz fertig“, würde es aber auch nach sechs oder acht Jahren heißen. Da ist es mir lieber, Amtszeiten zu begrenzen und Platz für neue Köpfe und neue Ideen zu machen. Das Wort Betriebsblindheit gibt es nämlich auch im Amt der Vorsitzenden …

 

Welche Themen haben Dich besonders umgetrieben?

Stefanie Die jungen Geflüchteten haben mich gewissermaßen vom ersten bis zum letzten Tag meiner Amtszeit begleitet. Im Frühjahr 2015 nahm die Zahl der nach München kommenden Flüchtlinge rasant zu. Wir haben damit ein neues Arbeitsfeld betreten und mussten innerhalb kürzester Zeit reagieren. Es wurden Projekte wie „Willkommen in München“ oder „LOK Arrival“ geschaffen, die wir jetzt, wo deutlich weniger Geflüchtete neu ankommen, wieder zurückfahren müssen. Die Abschottungspolitik der EU und Deutschlands machen sich hier bemerkbar. Insofern konnte ich diese Entwicklungen hautnah und umfassend mitgestalten.

 

Themenwechsel. München ist weiter eine attraktive Stadt – auch für junge Menschen. Welche Probleme müssen dennoch schnellstmöglich gelöst werden?

Judith Das Thema bezahlbares und angemessenes Wohnen ist wohl aktuell die wichtigste Frage. Ein riesiges Problem für junge und ältere Menschen. Ich sage voraus, dass uns im KJR dieses Thema in den kommenden Jahren weiter begleiten wird. Dabei sind wir bereits aktiv, stellen beispielsweise jugendpolitische Forderungen zur Kommunalwahl 2020 auf und entwickeln eigene konkrete Projekte, um das Problem insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene zu entschärfen.

Es kann nicht sein, dass junge Menschen keine Wohnung finden, die sie sich leisten können, eine Art Couch-Surfing machen, um unterzukommen. Da hilft unsere Wohnberatung, die wir im Jugendinformationszentrum anbieten, leider nur bedingt. Die Lösungen müssen viel weiter greifen, mutiger sein und in Kooperation mit der Stadt angegangen werden.

Stefanie Für mich war das Thema Mobilität im öffentlichen Raum zentral. Mit dem geplanten 365-Euro-Ticket sind wir ein gutes Stück vorangekommen. Darüber hinaus müssen wir weiter daran arbeiten, dass sich Kinder und Jugendliche den öffentlichen Raum erobern dürfen und ihn für ihre Interessen – ohne Androhung von Sanktionen – nutzen dürfen.

Last, but not least: München ist eine teure Stadt. Der KJR muss weiterhin für nicht-kommerzielle und kostenfreie jugendkulturelle Freizeitangebote sorgen. Mit dem OBEN-OHNE-Festival gelingt uns das seit vielen Jahren schon vorbildlich, wie ich finde.

 

Judith, Du bist hauptberufliche Gewerkschaftssekretärin bei der DGB-Jugend. Welche Themen bringst Du aus der Gewerkschaftsarbeit mit zum KJR?

Judith Auch beim DGB steht das Thema Wohnen an einer vorderen Stelle. Als Gewerkschaft vertreten wir die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern – auch im Hinblick auf die sozialen Fragen, zu denen wiederum auch Wohnen und Chancengerechtigkeit bzw. die Armutsfrage gehören. Die Armutsrate steigt auch in München – nicht zuletzt unter jungen Menschen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Ich stehe dafür, dass Kinder und Jugendliche gleich gute Zukunftschancen haben. Im Prinzip sind das alles Themen, die der KJR auch seit Jahren bearbeitet. Insofern wird es viel Kontinuität in der Vorstandsarbeit geben.

Ich kümmere mich beim DGB unter anderem um die Gedenk- und Erinnerungsarbeit. Was wir aus der deutschen Geschichte gelernt haben, um Rassismus, Antisemitismus und jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit rechtzeitig zu erkennen und zu bekämpfen, wird in meine Arbeit als Vorsitzende einfließen. Wir müssen dem Rechtsruck in der Gesellschaft entschieden entgegenwirken.

 

Die U18-Wahl hat gezeigt, dass es auch unter Jugendlichen ein Potenzial für die Wahl rechter Parteien gibt. Was kann man dagegen tun?

Judith Man muss sich fragen, woher diese Sympathie für rechte und rechtspopulistische Parteien unter Jugendlichen kommt. Ich glaube, dass das beispielsweise mit Perspektivlosigkeit und einer unsicheren Zukunft zu tun hat. Schülerinnen und Schüler von Mittelschulen beispielsweise wissen schon früh, dass sie in dieser Gesellschaft kaum Chancen auf einen beruflichen Aufstieg haben. In dieser Situation fällt es dann leicht, Feindbilder aufzubauen – zum Beispiel die Flüchtlinge, die angeblich die guten Ausbildungsplätze und Jobs wegnehmen oder vom Staat über die Maßen alimentiert werden.

Dagegen müssen wir angehen. Gleiche Chancen auf Bildung, Teilhabe und Mitgestaltung und jeder Stimme Gehör verschaffen – so können Diskurse konstruktiv und gegen den Rechtsruck geführt werden. Kinder und Jugendliche müssen immer ernst genommen werden. Als KJR tun wir das zum Beispiel mit dem Demokratiemobil, das ein Gesprächsforum im öffentlichen Raum bietet.

 

Wie seht Ihr die Position des KJR in der Stadtgesellschaft insgesamt?

Stefanie Der KJR ist eine wirklich große Nummer in der Stadt – vor allem in den Bereichen Jugend- und Sozialpolitik. Wir sind die legitimierte politische Interessenvertretung junger Menschen und können dabei auf eine hohe Kompetenz und Praxiserfahrung verweisen. Am KJR kommt in der Stadt keiner vorbei, wenn es um die Interessen von Kindern und Jugendlichen geht.

Judith Jenseits der fachlichen Expertise sind wir auch für junge Menschen selbst ein zentraler Ansprechpartner. Jugendbewegungen wie „Fridays for Future“ oder „noPAG“ finden bei uns Unterstützung und Ressourcen, wenn sie das wollen. Wir vereinnahmen diese Bewegungen allerdings nicht, sondern wollen, dass diese jungen Menschen eigene Erfahrungen im politischen Diskurs machen. Wir fördern ausdrücklich jugendliches Engagement.

 

Ist der KJR insgesamt politischer geworden?

Stefanie Jugendverbände oder Freizeitstätten waren immer schon Orte, um über und mit Politik ins Gespräch zu kommen. In gewisser Weise ist der KJR ein Experimentierfeld für die Demokratie, die Meinungsbildung und die Debattenkultur.

 

Wie geht der KJR mit Bewegungen wie „Fridays for Future“ um, eine Konkurrenz für die verfasste Jugendarbeit?

Judith Ich komme selbst aus der Protestbewegung von Studierenden. Damals ging es um Studiengebühren und das verschulte Bachelor/Master-System. Zu der Zeit waren viele der beteiligten Studentinnen und Studenten nicht organisiert. Es gab nur lose Verbindungen zur studentischen Vertretung. Obwohl wir keine verfasste Organisation waren, hatte uns der KJR unterstützt und später unseren neu gegründeten Verein „Bildungsfreiräume“ aufgenommen. Das fand ich sehr beeindruckend. So gesehen sind Jugendbewegungen keine Konkurrenz, sondern beleben das „Geschäft“.

Stefanie Im Rahmen der Satzungsdebatte im Bayerischen Jugendring war es uns immer wichtiges Anliegen, diese Initiativen und Jugendbewegungen einzubinden und damit zu legitimieren. Wir wollen dieses politische Engagement unterstützen – allerdings nur subsidiär, das heißt nicht lenkend.

 

Jugend steht heute vielfältig unter Druck – zeitlich vor allem durch die Ausweitung der Zeit, die sie im Rahmen von Schule verbringt. Bleiben da noch Freiräume für selbstgestaltete Freizeit?

Stefanie Die Entwicklungen der Ganztagsschule beanspruchen in der Tat viel Zeit bei Kindern und Jugendlichen. Mein Credo ist deshalb: das eine tun und das andere nicht lassen. Das bedeutet, dass sich der KJR weiter für zeitliche Freiräume von Kindern und Jugendlichen einsetzt, die vor allem unpädagogisiert sein sollen und in denen sie ihre Kreativität ausleben – die sie selbst gestalten können. Trotzdem oder gerade deshalb müssen wir uns für eine Ganztagsschule starkmachen, die das berücksichtigt.

Es gibt durchaus Stimmen, die sagen, dass man das starre System Schule nicht aufbrechen könne und dort nie Freiräume in unserem Sinne entstehen würden. Mit dem Modellprojekt der „Kooperativen Ganztagsbildung“ will sich der KJR aktiv in diesen Prozess einklinken und versuchen, das Beste für die Bedarfe von Kindern und Jugendlichen rauszuholen.

Judith Ich bin überzeugt, dass es gut ist, in dieses Modellprojekt einzusteigen. Es muss dabei der Grundsatz gelten, zu bestimmten Zeiten zu prüfen, ob diese Zusammenarbeit wirklich fruchtbar und sinnstiftend ist. Grundsätzlich führt daran aber kein Weg vorbei.

 

Wird sich durch dieses Modellprojekt die Schule strukturell verändern?

Judith Da sind ganz dicke Bretter zu bohren. Aber sagen wir so – der KJR hat schon immer Pionierarbeit geleistet. Warum nicht auch bei diesem Thema!?

Stefanie Ich habe gelernt, dass man in einem politischen Amt Visionen verfolgen muss. Vielleicht gelingt es doch, eine Kulturveränderung innerhalb des Bildungssystems im Sinne von Kindern und Jugendlichen anzustoßen. Schnell wird das allerdings nicht funktionieren.

Judith Die Demokratisierung von Schule wäre wichtig und ist unser Ziel. In jedem Fall ist die Mitgestaltung des Nachmittagsbereichs durch die Schülerinnen und Schüler ein Muss. Und vielleicht dürfen die Betroffenen eines Tages auch über den Lehrplan mitentscheiden …

Stefanie Ein Hinweis noch: Diese Kooperation versteht der KJR als eigenständiges Arbeitsfeld. Wir würden uns unglaubwürdig machen, wenn wir behaupteten, dass wir in der Schulkooperation die gleichen Prinzipien wie in der Jugendarbeit umsetzen könnten. Es wird solche Ansätze nur in eingeschränkter Form gehen. Deshalb sagen wir, dass eine solche Kooperation erst einmal eigenständig zu sehen ist.

 

Worauf freust Du Dich am meisten?

Judith Von Digitalisierung bis Personalentwicklung wird es viele Arbeitsfelder für mich geben. Die relevanten politischen Themen hatten wir ja schon besprochen. Ich freue mich jetzt vor allem, dass ich loslegen kann. Steffie übergibt mir eine für die Zukunft bestens aufgestellte Organisation, und ich weiß durch meine bisherige Arbeit im Vorstand des KJR, welches Arbeitspensum auf mich zukommt. Als Erstes steht die Formulierung unserer jugendpolitischen Forderungen zur Kommunalwahl 2020 auf der Agenda. Ich weiß, dass ich mich dabei und bei allen anderen anstehenden Aufgaben auf unser motiviertes neues Vorstandsteam und die vielen kompetenten und hilfsbereiten hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlassen kann. Ich habe jetzt einfach große Lust, meine Ideen anzuschieben: von der ganz praktischen Entwicklung junger Wohnformen in der Stadt über das Thema Ökologie und Nachhaltigkeit bis zu Mobilität in einer modernen Stadtgesellschaft. Langweilig wird es wohl nicht werden.

Interview: Marko Junghänel

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