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Parzitivation - oder wie?

Partizipation kann schwierig sein, schon in der Aussprache. Doch wie sie auch einfach – und vor allem wirkungsvoll – gelingt, zeigen beispielhafte Projekte beim Jahresempfang des KJR. Ein Beispiel ist auch der Ort selbst: die Jugendkirche München.

Der KJR-Jahresempfang 2018 ist zu Gast in der Evangelischen Jugendkirche in der Bad-Schachener-Straße 28. An diesem Abend, dem 20. März, ist deren Einweihung erst knapp ein Jahr her. Und ihre Verwirklichung steht dafür, wie Partizipation laufen kann. Denn die Idee zur Jugendkirche kam von der Evangelischen Jugend München (EJM). Und die Umsetzung hat gedauert: Seit 2004 wurde diskutiert. So setzt schon der Ort den Ton dieses Abends, dessen Thema komplex ist, und doch in ein Wort passt: Partizipation. Und diese Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist dem KJR ein Herzensanliegen.

KJR-Vorsitzende Steffie Lux begrüßt unter den Gästen Münchens Dritte Bürgermeisterin Christine Strobl und die Stadträtinnen Anne Hübner und Katrin Habenschaden, dazu Vertreterinnen und Vertreter aus Bezirksausschuss, Stadtjugendamt, BJR und Deutschem Jugendinstitut.

Die KJR-Grundsatzreferentin Manuela Sauer führt mit dem Leiter der Abteilung Jugendarbeit, Gerhard Wagner, durch das Programm und sie interviewen dabei immer wieder Bürgermeisterin Strobl zu Möglichkeiten und Bedingungen von Partizipation. Strobl ist für Kinder- und Jugendbeteiligung sehr aufgeschlossen, wirbt aber auch für Verständnis für die Regeln der Stadtpolitik: „Wenn‘s Geld kostet, muss der Stadtrat entscheiden.“

Die EJM-Vorsitzende Alexandra Wilde stellt zu Beginn vor, wie „Parzitiv…äh, schwieriges Wort! Also Partizipation“ in der Evangelischen Jugend funktioniert. Sie skizziert ihre Arbeit in den verschiedenen Gremien, etwa in der Dekanatsjugendkammer, deren Vorsitzende sie ist. Das umfangreiche Organigramm entlockt manchem Gast ein Schmunzeln, „das ist ja komplizierter als bei den Jusos“, entfährt es etwa Bürgermeisterin Strobl. Wilde lächelt und betont, was ihr wichtig ist. Und dazu gehört der immer wieder erhobene Vorwurf von Älteren, die heutigen Jugendlichen seien nicht mehr politisch. „Wir sind es sehr wohl. Aber wir sind auch nicht ‚anti gegen alles‘ und wir müssen nicht die Welt verändern!“.

Zurück zum Interview mit der Bürgermeisterin. „Können Sie Macht abgeben?“, fragt Manuela Sauer. „Schwierig“, antwortet Strobl, „wo soll ich denn Macht abgeben? Das ist bei Erwachsenen nicht einfach und bei Kindern und Jugendlichen noch schwieriger. “

Eine Idee dafür, wo Erwachsene Kompetenzen abgeben können, hat Sophia Kroidl von der StadtschülerInnenvertretung (SSV). Sie besucht das Oskar-von-Miller-Gymnasium und kritisiert, dass Schülerinnen und Schüler kaum Mitsprache haben. Denn in der Schule werde zwar Demokratie gelehrt, aber nicht gelebt. „Alles, was ich mitbestimmen durfte, war der Klassensprecher“, sagt sie. Aber sie und ihre Gleichaltrigen haben viele Ideen, den Schulalltag mitzugestalten, darunter mehr Austausch und Zusammenarbeit über die verschiedenen Schularten hinweg. „Ich soll fürs Leben lernen, aber ich kenne keine Real- und Mittelschüler, keine Waldorfschüler und niemanden von einer Berufsschule.“ Demokratie, Austausch und Vernetzung kennt Sophia Kroidl trotzdem, und zwar von der SSV, die die Stadt 2008 auf Initiative von Jugendlichen und dem KJR ins Leben gerufen hat. Dort engagiert sie sich seit einem halben Jahr, aber nicht nur um des Engagements willen.

„Tut sich die Politik mit Jugendlichen manchmal schwerer als mit Kindern, weil sie unbequem sind?“, will Manuela Sauer von Bürgermeisterin Strobl wissen. „Dass Teile der Jugend unbequem sind, gehört dazu“, sagt sie, „ich finde, sie könnten ruhig noch unbequemer sein“. Aber inhaltliche Diskussionen seien schon eher mit Jugendlichen möglich. „Grundschulkinder interessieren sich mehr dafür, was man für Haustiere hat. “Für alle aber gilt ihre Einladung: „Kommt mal im Rathaus vorbei und bringt eure Ideen vor!“ Dafür werbe sie immer wieder, „aber es nutzen nur wenige.“

Einer, der die Gelegenheit nutzt, den Mund aufzumachen, ist der neunmonatige Enno. Sein Papa Andro Scholl aus dem KJR-Vorstand hat ihn mitgebracht. Und während die Erwachsenen auf der Bühne reden, krabbelt er unter den Stühlen durch und maunzt ein paar Mal lautstark dazwischen.

Dass Partizipation aber wirklich schon bei den Jüngsten anfangen kann, beweisen Melanie Lemppenau und Claudia Hohenester von der KoRi Schneckenstein. „Die Kinder wollen mitmachen und mithelfen“, sagen sie, und sei es, morgens den Raum für den Tag herzurichten. „Sie wollen zum Beispiel die Stühle von den Tischen heben, auch wenn die für einige noch zu schwer sind“, berichten sie. Aber auch wichtige Entscheidungen können Krippen- und Kindergartenkinder schon treffen. Die Wahl des Jahresthemas trafen in der KoRi Schneckenstein die Kinder. Mit Murmeln konnten sie in einer Art Wahlkabine anhand von verschiedenen Bildern abstimmen – das Rennen machte das Thema „Phantasie“.

Die KJR-Kinderbeauftragte Kerstin Hof stellt das Kinder- und Jugendforum vor, bei dem Kinder zwischen neun und 14 Jahren im Rathaus ihre Anliegen einbringen, „heftigst diskutieren“ und anschließend abstimmen. Stadträtinnen und Stadträte übernehmen dann Patenschaften für die beschlossenen Anträge und verpflichten sich, diese umzusetzen.

Dass Engagement und Beharrlichkeit farbige Früchte tragen, zeigt Nives Hork, Besucherin des Jugendtreff am Biederstein. Über Jahre hinweg setzten sie und viele andere sich dafür ein, eine Unterführung nahe der Münchner Freiheit mit Graffiti gestalten zu dürfen. Schließlich gab der Bezirksausschuss grünes Licht – und den jungen Sprayern sogar den Vorzug vor einem professionellen Künstler. Und wenig später durften „die Biedersteiner“ auf Einladung des Kindergartens an der Fröttmaninger Straße deren 70 Meter langen Bauzaun besprühen – nach Ideen der Kindergartenkinder, versteht sich.

Wie Jugendarbeit Schülerinnen und Schülern helfen kann, ihre Ideen und Wünsche umzusetzen, zeigt Michael Jaschkowitz. Er leitet die Freizeitstätte FEZI und kooperiert mit der benachbarten Mittelschule an der Fromundstraße. So konnten unter anderem eine Smoothie-Bar, Spiele für die Pause oder neue Sitzgelegenheiten für den Pausenhof eingerichtet oder beschafft werden. Dabei müssen der feste Rahmen des Schulbetriebs („Der Unterricht soll nicht leiden!“) und die Dynamik der Kinder und Jugendlichen unter einen Hut gebracht werden.

Der Jahresempfang zeigt eindrücklich: Partizipation ist nicht immer leicht und passiert nicht von allein. Sie braucht Einsatz, und zwar nicht nur von Kindern und Jugendlichen, sondern manchmal auch von Erwachsenen, die dabei helfen. Aber Bürgermeisterin Strobl macht auch deutlich, dass es ohne gar nicht geht, wenn Politik für Kinder und Jugendliche passen soll. „Ich geh‘ auf die 60 zu – ich weiß zum Beispiel nicht, welche Trendsportarten kommen. Das müssen die Kinder und Jugendlichen sagen! Gerne auch über den KJR.“ 

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